Als ich schreiben lernte

Als ich schreiben lernte

Im Herbst 1956 fing für mich der Ernst des Lebens an, so sagten damals die Erwachsenen, wenn ein Kind eingeschult wurde. Ich bekam keine Schultüte, das war nicht üblich, sondern eine schweinslederne Schultasche. Diese Tasche war von unserem Nachbarn, einem Sattler, gefertigt worden und war ziemlich schwer. Auch ein Penal mit zwei Druckknöpfen war sein Werk. Ein harter und ein weicher Bleistift, ein Radiergummi, ein Bleistiftspitzer, ein Farbstift, mit dem man rot und blau schreiben konnte, fanden darin Platz, – und eine Feder! Eine Feder? Es war ein Federkiel mit auswechselbarer Feder, mit dem ich schreiben lernte. Ein Tintenfaß der Marke Pelikan , ein gut saugendes Baumwolltuch und ein Löschblatt waren vonnöten, um die Buchstaben möglichst korrekt und ohne Tintenkleckse in die über ein Zentimeter breiten Zeilen des Schulheftes zu schreiben. Das Eintauchen der Feder in die Tinte erforderte  Übung. Ein Zuviel an Tinte ergab Pfützen im Heft und blaue Finger, ein Zuwenig ließ die Feder kratzen und sich spreitzen. Kleine Tintenkleckse konnte man mit dem Löschpapier, daß jedem Heft bei Kauf beilag, aufsaugen. In den Schultischen waren blau verfärbte  Vertiefungen für die Tinten-fässer vorhanden. diese Vertiefungen sollten ein Umfallen und auslaufen der Tinte verhindern, was nicht immer klappte. In der 2. Klasse bekam ich eine Füllfeder, die ähnlich wie eine Spritze mit Tinte befüllt werden mußte. Über acht lange Schuljahre begleitete mich diese Feder, bis sie zu Bruch ging. Jedes Jahr am Schulanfang wurde die Federspitze aus Metall von einem Füllfederdoktor ausgewechselt. Er betrieb einen kleinen Laden in einer dunklen, engen Gasse in der Nähe des Makartplatzes.

Meinen Federkiel habe ich noch heute. Ich glaube, er ist aus Bambus, er sieht jedenfalls so aus.

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