Findelschwester

Findelschwester

Nach mehreren Besuchen bei der Geischler Sophie und den anschließenden Konsultationen im Notariat der Stadt fügte sich ein Mosaik zusammen, bei dem noch viele Steinchen fehlten oder beschädigt waren. Ich hatte nach langer Überlegung das Erbe angenommen, obwohl mir die weitere Verwendung von Mathildes Haus unklar war. Eigentlich war es nur eine Keusch’n, wie man hier sagte. Im Winter kaum bewohnbar und im Sommer auch gewöhnungsbedürftig. Allerdings verband ich viele Erinnerungen mit den Aufenthalten, die immer wieder, wenn auch spärlich, zu Mathilde geführt hatten. Über den Verbleib meiner Mutter Emilie konnte ich kaum etwas in Erfahrung bringen. Eine Spur führte nach Wien, wo sie sich in den Kriegswirren zu verlieren schien. In den Irrenanstalten jener Zeit wurde nicht zimperlich mit Entarteten umgegangen; seelisch Erkrankte gehörten auch dazu. Die Winterzeit wollte ich mit weiteren Nachforschungen verbringen. Um mir etwas Geld zu verdienen, arbeitete ich nun als Saisonkraft unten im Ort. Einige Zimmer im Gutshof des Barons wurden an Gäste vermietet und dort konnte ich, sozusagen als Mädchen für alles, tätig sein. Auf Wunsch von Gästen bot ich auch Wanderungen an. Das war schließlich mein erlerntes Metier und war nach Anmeldung auch problemlos möglich. Mein Chef sah dies auch gerne und erbat sich für die nächste Saison meine Mitarbeit. Ein Wanderprogramm wäre sehr förderlich, und er könnte bei seinen Gästen damit werben, so sagte er. Ich wollte mich allerdings noch nicht festlegen, aber diese Option schien mir gut möglich. Als der erste Schnee fiel machte ich mich auf…

Meine Nachforschungen in Wien waren ziemlich ernüchternd. Unterlagen waren, wenn vorhanden, unvollständig. In Archiven konnte ich nur bedingt recherchieren, da ich, so wurde mir gesagt, nicht berechtigt war; ein Dilemma. Mir schien, als würde sich die Spur meiner Mutter endgültig hier verlieren. Eine Angestellte der Psychiatrie, der damaligen Irrenanstalt, vermittelte mir die Adresse einer Krankenschwester, die für sich selbst so eine Art von Dossiers angelegt hatte. So verlegte ich nun meine Suche nach Salzburg, wo diese besagte Dokumentarin, nun eine Pensionistin, hingezogen war.

Diese Schwester Fanni lebte im Süden Salzburgs. Nach mehreren schriftlichen Anfragen versuchte ich sie spontan an ihrer Adresse zu erreichen, und ich hatte Glück. In einem alten Bauernhaus, geerbt von ihrer Schwester, wie sie mir sogleich erklärte, wurde ich in die einst gute Stube geführt. Älter als ich und konzentriert wirkend, musterte sie mich, “was bringt sie hierher? Die Briefe kamen an, ja – aber sie waren mir zu wenig aufschlussreich und so habe ich auch nicht geantwortet.” Im Verlauf des weiteren Gespräches verfiel sie immer wieder von sie auf du. “Sie können mich duzen, bitte”, sagte ich und ergriff ihre Hand. Es fühlte sich an, als wollte sie diese zurückziehen, doch warm blieb sie in meiner liegen. “Ich suche Spuren meiner Mutter”, erklärte ich ohne Pathos, ganz leise und klar. “Dann erzähle mal”, meinte sie. Meine Geschichte verfolgte sie aufmerksam und ohne mich zu unterbrechen. Am Fenster erschien ein kleiner “Tiger” und forderte Einlaß. “Bist auch schon zurück”, meinte sie und öffnete einen Fensterflügel. Die Katze sah kurz zu mir, irgendwie irritiert, setzte sich auf die Ofenbank, um mit Hingabe ihr Fell zu bearbeiten, dabei beobachtete sie mich unablässig. “Traurig, deine Geschichte”, bemerkte Fanni,” und es gab so viele von solchen Geschichten. Ich werde morgen meine Karteikästen durchschauen. Vielleicht kann ich dir helfen.” “Kann ich hier in der Nähe übernachten?”, fragte ich. “Ich bin nicht anspruchsvoll..”. Sie unterbrach mich und schrieb eine Adresse, mit ein paar Zeilen, sozusagen eine Empfehlung auf einen karrierten Zettel. “Da bist du gut untergebracht! Wenn du willst, komm’ doch morgen gegen Achte zum Frühstück zu mir. Du findest da leicht hin, hast ja auch hierher gefunden. Den Weg hinunter zur Hauptstraße, dann rechts den Bach entlang, das dritte Haus rechts. Ich weiß sie hat Zimmer frei, – und schönen Gruß von mir, – ich werd’ dich auch gleich noch telefonisch anmelden”, fügte sie noch hinzu. Wir verabschiedeten uns vor der Haustür. Ich ging über die drei, bereits ausgebrochenen Treppenstufen hinunter. Vereiste Pfützen wechselten mit sandigen Wegabschnitten, doch ich kam unbeschadet, trotz unpassender Schuhe, an die Hauptstraße. Keine Viertelstunde dauerte es, bis ich die Unterkunft erreichte und herzlich aufgenommen wurde.

Am nächsten Tag durchforstete Fanni ihre Dossiers. Der Name meiner Mutter war, wie auch alles andere, handschriftlich auf einer Karteikarte vermerkt.

Die Insassin wurde am 19. August 1941 aus Graz übernommen. Keine Angaben zu noch lebenden Angehörigen. Diagnosen soweit bekannt: (Psychose mit Selbstgefährdung). Ruhigstellung mit Medikamenten erhalten. Sie wirkt nicht zugänglich, spricht kaum und lehnt Aufenthalt ab, verweigerte einmal Hitlergruß. Auf Grund des Ariernachweises wurden keine weiteren Untersuchungen und Behandlungen durchgeführt. Dg. Irrsinn, unbrauchbar!

Die Insassin schweigt beharrlich zu Vorkommnissen in der Zeit von 1937 bis zur Einweisung in Graz. Eine Kollaboration mit Partisanen wurde nicht nachgewiesen. Ein weiterführender Aufenthalt war von der Spitalsleitung nicht vorgesehen, daher wurde die Insassin nach Salzburg am 22.1.1944 in das AEL (Heeresbekleidungsamt) überwiesen zur Arbeitsertüchtigung. Asozialenkommision/ Nachkontrolle Gestapo/Reichsgau Salzburg.

Anmerkungen: Vermutlich war eine schützende Hand für die Verlegung nach Salzburg im Spiel. Auf Grund der Vorgeschichte wäre eher Überstellung in KZ zwingend! gewesen.

Fannis Karteikarte

Mit einer Büroklammer waren noch einige Papierstreifen, Postkarten und ein Briefumschlag angeheftet. Dazu konnte mir Fanni nichts sagen.

“Ich werd’ dir noch Adressen aufschreiben, wo du nachfragen kannst, – das wird dauern, aber ich glaub’ du wirst was rauskriegen”, meinte sie ermunterd zu mir. Ich war mir da nicht sicher, im Gegenteil, das zog mich alles wieder in dieTiefe. In den nächsten Tagen klapperte ich wie eine Hausiererin verschiedene Vereine, Archive, Institute und auch ehemals selbst, in vielerlei Hinsicht, Betroffene ab. Ich fuhr mit dem Bus in die Kleßheimer Straße 35, wo sich das ehemalige Arbeitserziehungslager befunden hatte. Alles sah so unscheinbar aus. Fanni stellte mir ihr Telefon zur Verfügung und schien selbst von einer gewissen Hartnäckigkeit erfaßt zu sein. Wir waren sozusagen ein Ermittlungsteam, das sich festgebissen hatte. Ich war wieder zuversichtlicher geworden und hatte mein Quartier gewechselt. Fanni stellte mir kostenlos eines ihrer Zimmer zur Verfügung, was ich auf Grund meiner beschränkten Geldmittel auch gerne angenommen hatte. Geheizt wurden im Haus regelmäßig nur der Kachelofen und ein Herd in der Küche. Im Badezimmer mit Toilette stand ein beheizbarer grüner Wasserboiler, der fallweise in Betrieb genommen wurde. Alles erinnerte mich an Mathildes Häuschen, wo ich allerdings nie im Winter schlafen mußte. Mein Zimmer lag am Gang , der in den ehemaligen Kuhstall führte und war, nun sage ich mal, kalt. Das Fenster lag in Richtung Osten und war einfach verglast. Liebevoll ausgesucht wirkte die Einrichtung und versöhnte mich mit der Kälte. “Wenn du einen Thermophor brauchst, kannst ihn vor dem Zubettgehen in der Küche füllen. Im Wasserschiff ist heißes Wasser. Meistens ist in der Früh noch Glut im Herd und die Küche wird gleich warm”, hatte Fanni vorsorglich gemeint, als ich bei ihr eingezogen war. Früher wurden rote Ziegelsteine im Backrohr heiß gemacht, mit Flanell umwickelt und in’s Bett gelegt, um es vorzuwärmen. Das wußte ich auch noch von Erzählungen.

Die Schneedecke ließ inzwischen kaum Lücken frei, es war tiefer Winter geworden. Ich hatte nach anfänglichen Recherche- Schwierigkeiten die überraschende Nachricht erhalten, daß meine Mutter noch lebt. Sie war in einem Altenheim untergebracht. Innergebirg, wie man hier sagte und in einer Stunde mit dem Zug zu erreichen. So machte ich mich, nach Anmeldung, auf den Weg. Ungewißheit nagte an mir, ob ich dieses Treffen überhaupt wollte. Jetzt, wo ich solange gesucht hatte, verdarben mir diese Gedanken einen Anflug von stiller Freude und Genugtuung. “Ja, ja”, meinte Fanni und fügte vielsagend hinzu, “erwarte nicht zuviel.” Das war leicht gesagt. Mein seelisches Gepäck drückte mich nieder, doch als ich im Zug saß formten sich meine Gedanken und wurden klarer und fester.

Im Büro der Heimleitung mußte ich warten. Jetzt war noch Gelegenheit zu gehen, feige zu gehen. Doch ich verwarf diese Option, als ich den Namen meiner Mutter auf dem Deckblatt der Akte sah, die auf dem Tisch lag. Eine jüngere Frau betrat das Büro und stellte sich als Sekretärin vor, “die Heimleitung ist verhindert”, meinte sie entschuldigend. Sie blätterte in der Akte. “Sie waren schon lange nicht hier”, sagte sie und sah mich an, “ich habe sie ganz anders in Erinnerung.” “Ich war noch nie hier”, erwiderte ich. “Sie sind doch die Tochter Christa…”, wieder sah sie mich eindringlich an,” wenn sie nicht die Tochter sind darf ich ihnen keine Auskunft geben.” Mir liefen Schauer über den Rücken und ich war unfähig zu reagieren. “Ist ihnen nicht gut”, hörte ich nach einiger Zeit die weibliche Stimme. “Doch, doch”, vernahm ich meine Antwort. “Ich möchte sie nur besuchen”, fuhr ich fort. Nach einigen Hin und Her, und nachdem ich mich ausgewiesen hatte erhielt ich Angaben zu Wohnbereich und Zimmernummer.

Der Wohnbereich war nicht frei zugänglich und ich betätigte die Klingel neben der Türe. Kurz danach wurde geöffnet. Ein Pfleger sah mich argwöhnisch an, so kam es mir vor. “Sie waren noch nie hier”, sagte er mehr fragend als wissend. Ich äußerte meinen Besuchswunsch, behielt aber meine persönliche Beziehung für mich. “Ich habe kürzlich von Christa erfahren… “, log ich und wartete auf weitere Stellungnahmen dazu. Außer einem “A-h-a”, konnte ich ihm vorerst nur eine knappe Aussage entlocken. “Dann wissen sie ja um den Zustand. Manchmal gut und manchmal schlechter, wie das halt so ist, – Zimmer 7”, sagte er, “und melden sie sich ab, bitte, wenn sie gehen.” Ich machte mich auf zu Zimmer sieben.

Im Zimmer stand eine unbekannte Frau, die vor sich hinmurmelte, kurz den Kopf zu mir wandte, schwieg, um sogleich wieder weiterzumurmeln. Die Hände und Arme verfolgten gleichsam einen Fliegenschwarm, im auf und ab, und hin und her. “Grüß Gott”, sagte ich und nichts weiter. Ich wartete. Sie trippelte auf mich zu, noch immer murmelnd und fliegenfangend. Ein entspannter Gesichtszug, ein Anflug von Freundlichkeit wirkte auf mich einladend. Ich streckte meine Hand aus. “Gut, gut”, sagte sie, Worte die ich nun auch verstehen konnte. Die Türe öffnete sich und der Pfleger kam in den Raum. “Heute scheint’s, hat sie einen guten Tag. Oft ist sie aggressiv und unkontolliert, ja. – Ich hol’ sie zum Abendessen”, zuletzt wandte er sich an meine Mutter. Sie ließ sich in den Gang führen, immer murmelnd und nun nur noch mit einer Hand fliegenfangend. “Ich bin der Jörg”, sagte er noch über die Schulter zu mir. “Ich werd’ demnächst wieder kommen…”, rief ich und leiser, “bald…”. Ich sah die beiden an der Stiege verschwinden, Jörg und meine Mutter. Es war fünf am Nachmittag.

Ich ging in Richtung Bahnhof, als ich auf der Schneedecke ein totes Reh sah. Ich war nun doch nicht zu spät gekommen, meine Mutter lebte , – noch.