Als ich den Borderliner traf

Als ich den Borderliner traf

Graues Licht zog mit dunklen Wolken über die Steinwüste. Riesige Mauern mit fensterlosen Löchern machten mich traurig und verzweifelt. Ich wußte nicht wie ich hierher gekommen war. Immer wieder flog ich kurz auf, doch nirgends entdeckte ich Lebendiges. Kein Grün, keine Blume, keinen Wurm. Die Bäume in den langen Schluchten glänzten schwarz, die Äste waren zersplittert. Auf einem Mauervorsprung verweilte ich, um nachzudenken, – doch mein kleiner Kopf wollte nicht, so sehr waren meine Augen damit beschäftigt die Dinge zu schauen. Wie sollte ich mich hier zurechtfinden, wo doch keiner hier war, den ich fragen konnte. Mein Magen knurrte und meine Zunge war trocken und ich dachte mit Wehmut an mein Zuhause. Dunkelheit breitete sich über Mauern und Ziegelberge. Mit Angst im Herzen versuchte ich einzudösen, den Kopf in meine staubigen Federn versteckt, doch dann auch immer wieder um mich herum äugend. Ein kühler Wind blies um die Ecke. Nachts weckte mich ein vermeintliches Flügelschlagen, doch ich schien geträumt zu haben. Ich preßte mich noch dichter an die rauhe Mauer und und wartete auf den Morgen. Der Tag dämmerte herauf, anders als ich ihn kannte. Ohne voreiliges Gezwitscher, kein Türenschlagen, keine Gerüche nach Gekochtem aus Häusern. Der Morgen, er graute düster und beklemmend, lautlos. Die Löcher starrten leer zu mir herüber. ” He, du da!”    Eine Stimme schreckte mich auf. Ich drehte meinen Kopf, doch ich konnte niemand entdecken.  “Hier bin ich!”, krächzte die Stimme wieder. Ich spähte vorsichtig den Sims entlang und erkannte einen struppigen Kopf an einem entsetzlich dürren, federlosen Hals. Seine Stimme klang heiser, als er zu mir herrüberrief, “hallo”.  Der Kopf an dem langen Hals wackelte belustigt. “He, du da, was suchst du hier??” Ich habe mich wohl verflogen, erwiderte ich, wobei ich all meinen Mut zusammensuchte. “Kannst du mir sagen, ob ich hier richtig bin?”, fragte ich verwirrt. Der Kopf wackelte vielsagend und verneinend, “du hast wohl kein GPS-Tracking?!” Nun kam er näher und hielt sich mit starken Krallen am Mauervorsprung fest. Einige lose Brocken fielen nach unten. Ich drängte mich noch näher an die Wand. Groß und mächtig schien meine neue Bekanntschaft zu sein.

“He, du”, vernahm ich wieder seine Stimme, ” mußt keine Angst vor mir haben. Früher war ich ein von,  De Hautgout, doch nenn’ mich Gyps, das ist gut.” “Ich kann nicht schreiben”, meinte ich und merkte sofort, daß das keine Erwiderung ist. “Das macht fast gar nichts”, fuhr Gyps fort, “macht nichts, Kleiner, seit es keine Zeitungen mehr gibt. Komm setzt dich zu mir. Komm’ schon!”  Ich trippelte am Mauervorsprung entlang und wieder lösten sich kleine Steinchen. “Kannst du nicht fliegen, Kleiner?”,  fragte der Große.           “Oh, o ja, aber ich bin hungrig und vor allem habe ich Durst und müde bin ich auch”.  “Kleiner, ich werde dich mitnehmen. Hier findest du nichts zu knabbern, hier kannst du nur verhungern, du Vegetarier. Hier ist für dich nur der Tod.” “Und du…?”, merkte ich an. Er lachte, dabei reckte er seinen runzeligen Hals zu mir und ich erschrak, als ich sein zweites Auge sah. Schlaff verdeckte narbige Haut einen Teil seines Gesichtsfeldes. Er blinzelte. “Es ist nicht schön, mein Auge, – aber was soll’s. Ich bin ja auch sonst keine Schönheit. He, komm’ doch weiter”, forderte er mich auf und ein Luftzug hauchte seinen unbeschreiblichen Schnabelhöhlengeruch zu mir und hüllte mich ein. “Ich finde hier immer noch genügend zu fressen. Kadaver von Haustieren, und was sonst noch verwest, gibt’s hier immer wieder. Mit dir werde ich nun aber eine etwas freundlichere Gegend aufsuchen”, dabei deutete er mit seinem Kopf auf seinen Rücken und forderte mich auf mir dort einen guten Platz zu suchen. ” Mit dem Schnabel halte dich an meiner Halskrause fest, – nicht in den Hals haken, – und mit deinen Krallen klammere dich in meine Federn. Er kicherte. “Wir werden einige Zeit unterwegs sein. Mein Federndress ist nicht sehr gepflegt, aber wie sollte ich wissen, daß ich dich hier treffe!” Er kicherte wieder und ich fand es inzwischen ganz schön. ” Was meinst du mit Federndress?”, fragte ich nach. “Woher kommst Duu ….denn ???   Mein Federnkleid, – nun, wie sagt die Welt: mein Outfit”, dabei lachte er schallend. Doch wenn solche Vögel lachen, – mich schmiß es fast von meinem Sitzplatz.  “Oh, entschuldige”, meinte Gyps, als er merkte wie krampfhaft ich mich an ihn krallte, um nicht die Balance zu verlieren.  “Weiter landeinwärts ist meine Bude, – pardon, mein Horst, – du wirst sehen. Dort ist das Wasser noch trinkbar, keine verseuchte Gegend, so wie hier! Verstehst du?”. Er wartete meine Antwort nicht ab, sondern erzählte weiter. “Es gibt nur mich in dieser Ecke. Lange habe ich weder Feind noch Freund gesehen. Ich komme von den Ufern des Meeres. Du mußt wissen, ich arbeite dort. Leider wurde der Kollege P98 aus dem Verkehr gezogen und ich sollte einspringen. Nicht mit mir, ich arbeite für Mega. Vielleicht lernst auch du es auch kennen. Ich werde einmal anfragen. Aber jetzt geht’s loooos! Festhalten!” Gyps schwang sich mit kräftigen Flügelschlägen in die Stille über den dunklen Schluchten, weiter über graue Flächen, zerrissene Krater, immer weiter, landeinwärts. Allmählich wurde die Sicht besser. Wir durchbrachen leichte blaue Nebelschwaden,  der graue Boden wurde bräunlich und wir segelten mit den Winden und zogen gelbe Schleier hinter uns her. Milchig stand die Sonne, – oder war es der Mond, hinter einem Sandvorhang. Wir segelten tiefer, dem Boden zu und kämpften gegen Luftwirbel. Gleißendes Licht blendete mich und ich spürte die frische Luft die meinem Atem kühlte. Meine Krallen lockerten sich etwas, entspannt. “Bald ist es geschafft”, säuselte der Große. Ich nickte bedeutsam und ehrfürchtig, doch Gyps konnte das natürlich weder sehen und natürlich nicht hören.  “Wir werden bald landen”, krächzte er laut. Ich rief zurück, daß ich ihn verstanden habe.

Info zu Geierkollegen P98 http://www.zeit.de/2016/09/spionageverdacht-geier-libanon

Vor uns lag ausgebreitet der See, verzaubert und schön.Leicht kräuselte sich die Wasseroberfläche. Einige Palmen verdeckten einen Weg zu Lehmhütten, die, wie angeklebt, an der Felswand standen. Ein Dach aus grünen Kronen ruhte auf den Stämmen der Dattelbäume.  Gyps streckte seine Beine zur Landung, schwang ab und landete inmitten eines Hofes.                                                                                          

      

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