Als wir Gyps wiederfanden

Als wir Gyps wiederfanden

“Wir werden deinen Gyps finden”, versicherte mir Lia, so nannte ich sie der Kürze wegen und mit ihrem o.k. Ich war mir da nicht so sicher. “Ich kann mir denken wo er Unterschlupf gefunden hat. Es gibt da einige Sammelstellen für Geflüchtete aus dem Westen, – verseuchtes Fressen”, erklärte sie. “Geflüchtete ?”, fragte ich und fuhr sogleich fort, “Gyps hatte mir vom Diklofenakkakfleisch erzählt. Wir mußten damals unsere Flugroute ändern.” “Das heißt Diclofenac, -bist crazy mein Lieber, aber stimmt …”, weiter verstand ich nichts mehr. Die Winde trugen uns die Bergrücken entlang. Für Lia schien das kein Neuland zu sein. Bei unseren Stopps tauschte sie sich mit Artverwandten aus und so waren unsere Informationen upgedatet. Dabei hielt ich mich im Hintergrund, – war ja Ausländer. Eines morgens sah ich unter mir Verwunderliches. Zweibeiner ließen Teller an Stangen über den Boden wandern. Ich konnte mir keinen Reim daraus machen und mußte auf die nächste Gelegenheit warten, um Lia zu fragen. Sie war ja nicht so klug wie Gyps, aber doch auch ein wenig klüger als ich.

Lia gurrte vor sich hin und war guter Laune. ” Was sind denn das für Teller an den Stöcken und wofür”, fragte ich vorsichtig und äugte zu ihr hinüber. Sie saß auf einem anderen Ast, dessen Schwingungen plötzlich aufhörten. “Weißt’ schon rein gar nichts”, sagte sie überheblich. In diesem Augenblick erinnerte sie mich an Gyps, der auch oft solche Anstalten machte, der Gyps Oberschlau, Oje! Ich machte mich klein und wartete auf eine Antwort. “Die suchen Bombies”, dabei wirkte sie nun wieder verständnisvoll, ” hast sowas noch nie gesehen?” “Nein, ” gab ich zu, ” aber deshalb bin ich doch kein Dödel!” Lia kam zu mir, ein kurzer Schwenk und sie saß neben mir. “Da ist überall noch so Zeugs versteckt, das nachts die Sterne und die Sonne auf die Erde holen kann. Die nennen es Minen; – muß man aufpassen. Hast es gerafft, Chico?” Ich war erleichtert, ja ich hatte es gerafft und dachte an Gyps, der manchmal auch ins Risiko flog, um an Nahrung zu kommen. Hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen. Oje.

Als ich Gyps sah erschrak ich erst einmal, ein zerzauster, abgemagerter Freund hinkte auf mich zu. Sein lädiertes Augenlid war angeschwollen und einige Federn waren verkohlt. “Was ist passiert, Gyps? “, fragte ich und betrachtete ihn sorgenvoll. Das wird nichts mit Weiterfliegen, dachte ich bei mir. Lia hielt sich im Hintergrund und beobachtete uns mißtrauisch. Ich stellte die beiden einander vor, doch jeder blieb auf seinem Platz hocken. “Jetzt sag’, was war los? Hier ist es doch auch nicht gut für dich, flach und heiß, so wie du es nie mochtest!” “Alles verkackt, – nur hier gibt’s Futter von den Zweibeinern. Aber meistens krieg’ ich zuwenig, die Geflüchteten aus dem Westen sind stärker und ich muß mich immer hinten anstellen”, raunzte er. “Als ich noch fit war und wieder einmal meine Wampe füllen wollte, in der Gegend lag genug Gammelfleisch herum, knallte es mit tausend Sternen und fetzte mich in eine Erdhöhle, wo ich irgendwann wieder erwachte und mit viel Glück hierher fand. Jetzt muß ich erst einmal bleiben und schauen wie ich zu Kräften komme. Dann will ich wieder in den Norden, in die Berge, -tut mir leid, Kleiner.” Ich sah zu Lia, die sich noch immer nicht von der Stelle gerührt hatte. Ihre blauen Augenringe waren noch dunkler geworden als sonst. “Hey”, rief Gyps ihr zu ,”ich bin keine Schönheit, aber brauchst auch keine Angst zu haben. Ich bringe niemanden um, schon gar nicht eine Freundin von Chico.” “Hab’ keine Angst, aber…. “, erwiderte sie, fuhr aber nicht weiter fort. Ich konnte mir denken warum sie den Sicherheitsabstand nicht verringerte: es war sein Verdauungsgeruch. Auch ich hatte mich erst einmal daran gewöhnen müssen. “Zur Zeit ist alles lahm bei mir, auch mein Kontakt zu Mega reißt oft ab”, meinte Gyps. “Hab’ ich auch gemerkt. Die Peilung war ganz daneben, grottenschlecht”, fügte ich hinzu,”was soll jetzt werden?” “Du wolltest doch einmal nach 2°49’N 104°11’O, da waren doch einmal deine Zweibeiner von ganz früher”, forderte er mich auf. “Tatsächlich,” ich wußte es nicht mehr, hatte schon vor langer Zeit vergessen was der Grund gewesen war. Gyps streckte sich und ich sah sein schütteres Federkleid, armer Kerl. “Vielleicht gehe ich auch zu den Mangas, die suchen solche Typen wie mich”, dabei kicherte er vor sich hin. “-muß jetzt zum Futterplatz. Ich hab dich auch auf’m Schirm, mach’s gut Kleiner, und vielleicht ein Wiedersehen auf 35°32’23”N -133°13’53”O bei den Mangas.” Und weg war er…

Ich konnte mich nicht von Gyps verabschieden und flog mit Lia in eine der schönen Steinhallen, um dort die Nacht zu verbringen. Morgen wollte ich mit ihr gemeinsam weiterplanen… Mit Gedanken an mein nächstes Ziel träumte ich mich in meinen Himmel.

http://www.weltenquerung.de/angepeilt-249n-10411o
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