Unterwegs ins Donaudelta
Warum nach Sulina? Bei meiner Reiseplanung wurde anfangs auch ein längerer Aufenthalt in Tulcea in Betracht gezogen. Diese Stadt wird auch als Tor zum Donaudelta bezeichnet, ja, es gäbe auch genügend Anbieter, die Touren in vielfältiger Weise durchführen. Irgendwie lockte mich aber Sulina mit seinem Kilometer «Null» der Donau und was ich so bei meinen Recherchen lesen konnte. Mit Unterkünften sah es nicht so gut aus wie in Tulcea, der Tourismus lahmte etwas. Die Entscheidung fiel emotional und für 6 Nächte wurde fix gebucht; dabei muß ich zugeben, drei Mal die Buchung geändert zu haben; das heißt storniert. In Sulina meinte ich näher an der zu bestaunenden Natur zu sein, was dann auch zutraf. Eine ganz andere Seite bedachte ich zum Zeitpunkt der Buchungen nicht, die historische Fülle mit ihren komplexen Zusammenhängen bis hin zur «Abreise» nach Madeira des letzten österreichischen Kaiser Karl I. und seiner Gemahlin Zita; (dazu im Anhang mehr). Eine unglaubliche kosmopolitische Vergangenheit, die diese Stadt geprägt hatte und die für mich jede Menge an Überrraschungen bereithielt. 1856 hat die europäische Donaukommission ihre Arbeit aufgenommen mit Sir Charles Augustus Hartley an der Spitze, er wird als Vater der Donau bezeichnet.
Nach der Ankunft in Sulina und der Ausschau nach einem Taxi überraschte mich gedanklich eine seltsame literarische Erinnerung. Als wäre er aus einem Roman von Hemingway gestiegen, so begrüßte uns der Taxifahrer, elegant mit «Panamahut», wie er in Lateinamerika getragen wurde. Das blütenweiße, weite Hemd mit schmalen Stehkragen und die Art uns einzuladen sein Taxi zu nehmen… unerwartet, diese zuvorkommende Art. Auch das folgende Gespräch über Kanuten, die im letzten Jahrhundert aus Deutschland bis hierher fanden, auf der Donau versteht sich. Er schilderte Begebenheiten aus seinem Leben hier in Sulina. Im Hotel trafen wir auf einen engagierten Manager, der uns für den nächsten Tag eine Tour nach Letea <sprich: Leta> anbot. Zeit, um zu überlegen, nahmen wir uns nicht, okay wir machen das. Die Schmutzwäsche war schon angewachsen und eigentlich dachte ich an die Möglichkeit hier waschen zu lassen. Sechs Nächte waren gebucht. Es war nicht möglich, so teilte es uns der Hotelmanager mit. Auf anderen Reisen waren alternative Möglichkeiten erwogen und durchgeführt worden. Hier wurden wir zur Wäscherei in Sulina geschickt. Dort war eine freundliche, junge Person inmitten gewaschener Bettwäsche, Handtüchern in weiß und anderem in weiß beschäftigt. Clothes no, so ihre Antwort auf meine Frage, only Lingerie, meinte sie. (?) Nun, wie auch immer, die Wäscheberge in weiß veranlaßten uns, einander zulächelnd, zu gehen. Also Handwäsche ; war auch nichts Neues für mich. (Kurz und bündig: Feste Plasiktasche aus dem Supermarkt, Gefäß zur Stabilisierung z.B. Plastikeimer, Mülleimer; mein Reiseequipment: Wäscheklammern (8), Leine, Waschpulver. Tatort: Dusche 🙂 und das Ergebnis.…). 
…in der Zwischenzeit machte Albrecht eine Speed-Wanderung an den Sulina-Beach und kam mit Informationen zurück. Auf dem Weg dorthin liegt der Friedhof von Sulina; (weitere Infos später). Ach ja, Strandinfos: neben einem großen Teil des Strandes mit Lokalen, Schirmen und Liegen besteht auch die Möglichkeit, sich einfach einen Platz zu suchen. Eventuell käme man aber mit Rindern in Konflikt 🙂 .






In einer Gruppe aus Constanta, die einen Kurzausflug nach Sulina gebucht hatten, fanden wir uns am nächsten Tag wieder. Die Gruppe zählte zirka vierzig Personen. Eine Reiseführerin mit einer künstlichen Sonnnenblume, die sie hochhielt, organisierte die Abfahrt. Die Gruppe wurde in mehrere Boote aufgeteilt. Wir saßen mit sechs anderen Rumänen zusammen und bildeteten eine «Schicksalsgemeinschaft». Hinter uns saß noch ein älteres Paar, so wie wir. Im Laufe der Tour entpuppte sich die Frau als unsere «Dolmetscherin», englisch versteht sich. Was für ein Glück! Die Dauer von sieben bis acht Stunden waren geplant, also ganz schön lange. Ich freute mich, als das Boot, mit starkem Außenmotor, Fahrt aufnahm.
Im Vorfeld hatte ich mich schon eingelesen und so meine Neugierde einigermaßen stillen können. Im Internet und bei den einschlägigen Anbietern von Touren in das Donaudelta sind natürlich auch jede Menge an Informationen zu erhalten. 87% des Deltas bestehen aus Sumpfland und nur 13% aus Schwemmland. Der Ort Letea liegt auf einer dieser Schwemmlandinseln und dorthin sollte uns diese Tour führen; weitere Erläuterungen in der Fotogalerie:










1989 wurde das Biosphärenreservat Donaudelta errichtet. Über Jahre hat sich trotz gewisser Einschränkungen der Ökotourismus weiter entwickelt. Die Bevölkerung ist auf sich selbst gestellt und der Alltag ist nicht leicht zu bewältigen. Arztbesuche in Tulcea sind schwer zu ermöglichen und auch Abwanderung der Jüngeren findet statt. Viele verfallene Häuschen sah ich unterwegs bis zum Einlasstor in das Reservat. Nur geführte Touren zu den wilden Pferden sind möglich.





Als wir wieder zurückstapften, im weichen Sand und bei aufkommender Hitze, freuten sich wohl alle auf das angekündigte Fischessen im Dorf. Ich war etwas skeptisch von wegen Fischsuppe, aber diese Skepsis war nicht angebracht, wie sich herausstellen sollte. Für Albrecht waren solche Bedenken sowieso keiner Überlegung wert. Also los, wieder aufsteigen, die Reifen drehten mehrfach durch, aber wir gelangten aus den anfänglichen Spurrillen auf eine festere Sandstraße. Hier ist das Lokal, wo wir schon erwartet wurden:






Natürlich war ich, wie meist, neugierig auf das Umfeld des Lokals; Garten, Ställe und die Dorfstraße habe ich noch eingefangen. Neben der Ortschaft Letea, so heißt auch das gesamte Gebiet, gibt es noch den Ort C.A.Rosetti. Der zweite, aber verlassene, Ort Sfistofca ist nicht weit von der ukrainischen Grenze entfernt. Einer der drei großen Donauarme, Chilia, ist Grenzfluß.







Mit den «Transportern» ging’s zurück zu den Booten. Dort gab es erst einmal etwas Verwirrung, bis dann jede Kleingruppe sich orientiert hatte. Wir hielten uns an unsere Dolmetscherin; alles okay. Die Fahrt durch die Kanäle schien kein Ende zu nehmen, so gesättigt war ich schon vom Anblick der hohen Schilfwände. Manchmal zeigten sich kleine Erhebungen, die so manche Beobachtung zuließen. Wildschweine wurden einmal gesichtet. Der Fahrtwind wurde kühler und die übergezogene Rettungsweste schützte zusätzlich. Die Wasserflächen wurden größer und weiter, so als bildeteten sie Seen. Vogelschwärme zogen am Himmel mit uns, doch keine Pelikane waren zu sehen. Das Boot stoppte. Ein riesiger Pflanzenteppich, ausgebreitet bis zum Horizont, waberte auf dem Wasser. Unsere Dolmetscherin gebrauchte ein rumänisches Wort, was soviel wie Rübe heißt; (lt. meinem Übersetzungsprogramm auf dem Handy). Hier die Bilder:





Der Uferbereich war Siedlungsgebiet geworden. Hohe Bäume warfen Schatten, Boote lagen an den Stegen und nur wenige Menschen waren zu sehen. Laut unserer Dolmetscherin nahm das Boot nun einen Kanal durch «Venedig», um dann den Sulina-Arm zu überqueren. Dieser Arm ist schiffbar, auch für große Frachter.



Diese Tour war zu Ende. Unser Boot war eines von vielen, die im langgezogenen Hafenbereich anlegten. Wir verabschiedeten uns herzlich von unseren Begleitern, besonders natürlich von unserer Dolmetscherin. Nur einige Schritte und wir erreichten unser Hotel. Die Rückmeldung an den Manager fiel sehr positiv aus und so nahmen wir auch sein Angebot, für den nächsten Tag eine Abendtour in den Sonnenuntergang zu buchen, an; zwei Stunden, ab 18h.







Am nächsten Tag war für das Abendprogramm schon gesorgt. Am späten Vormittag machten wir uns auf in Richtung zum anderen Ende der langen Hafenstraße (Strada 1). Unterwegs fielen mir einige verfallene Gebäude auf:




.… dann erreichten wir den ehemaligen Sitz der Europäischen Donaukommission.






























Der hohe Wellengang verhinderte eine Fahrt in das offene Meer. Zu gerne wäre ich zur Schlangeninsel (Ostriw Smijiny) gefahren. Sie gehört nun wieder zur Ukraine und ist Sperrgebiet, also auch ohne hohen Seegang keine Möglichkeit, auf einer privaten Tour, dorthin zu kommen. Am 24. Februar 2022 Eroberung durch Russland. Der ukrainische Soldat Roman Hrybow zeigte den Stinkefinger und funkte, «Russisches Kriegsschiff, f… dich!» Er wurde gemeinsam mit allen dort Stationierten gefangen genommen und nach Belgorod/Russ. gebracht. Dieser Vorfall schaffte es auf eine Sonderbriefmarke in der Ukraine. Die Insel ist cirka 28 Seemeilen (45km) von Sulina entfernt vor dem Donaudelta im Schwarzen Meer.
Eine historisch interessante Stätte ist dieser Friedhof. Als multikulturell, kosmopolitisch und multiethnisch ist er neben religiöser Zugehörigkeit einzuordnen. 1864 wurde er gegründet und die Europäische Donaukomission übernahm die Verwaltung. Die Stadt Sulina war damals wirtschaftlich und gesellschaftlich aufstrebend und so wollte man für Verstorbene entsprechende Möglichkeiten für die letzte Ruhestätte schaffen. Christliche Begräbnisse unterschiedlicher Richtungen, auch altorthodox, waren möglich. Für Moslems und Juden waren abgetrennte Bereiche geschaffen worden. Weitere Infos auf den Fotos:
















Als wir wieder zurück auf der Strada 1 waren, hielten wir bei einem der Anbieter für Fahrten ins Donaudelta an. Im Büro, einem Container, buchten wir für den nächsten Tag eine Tour. Ich wünschte mir Pelikane zu sehen, alles andere war eigentlich bei dieser dritten Tour unerheblich. «Yes, yes, Pelicans«, so wurde uns versichert…
Punktlich legte das Boot am nächsten Tag um neun Uhr ab. Eine Gruppe von zehn wollten, anscheinend so wie wir, zu den Pelikanen. Zuerst fuhren wir einige Zeit flußaufwärts, vorbei am Wasserturm und Unterkünften mit Bootsanlegestellen der sicherlich höheren Preisklassen. Dann fuhren wir links ab in die verzweigte Landschaft mit Schilfwänden, manchen Baumgruppen auf erhöhten Landzungen, immer weiter und weiter; es schien kein Ende zu nehmen. Leider war diesmal nichts mit Englisch. Nun ja, ein Infoblatt auf englisch wäre hilfreich gewesen. Ich habe bei der Buchung aber auch diesbezüglich nicht nachgefragt. Irgendwann weiteten sich Kanäle zu Seen, die miteinander verbunden waren. Viele unterschiedliche Vögel waren am Wasser zu sehen. Unser Guide erklärte auch vieles, was wir natürlich nicht verstanden. Wir hielten an…
ein Pelican war zu sehen… 🙂 .












Am letzten Tag unseres Aufenthaltes wanderten wir zum Strand. Ich wollte zum «wild beach» und bemühte Googlemaps. Die Straße zog sich dahin und Hitze machte mir auch zu schaffen. Hätten wir auf Google vertraut, wären wir bei einer «Militäreinrichtung» angekommen. Ein Mann, der mit Familie in Richtung Strand unterwegs war, machte uns nach Frage darauf aufmerksam. Den «wild beach» erreicht man über die kommerziell betriebenen Strandanlagen .
Nun gut, im Wasser des Schwarzen Meeres sind wir entlang des Sandstrandes einige Zeit gegangen. Schön empfand ich, daß hier noch keine Hotelkomplexe zu sehen waren. Alles war fast familiär und übersichtlich, ohne Schnick-Schnack, den man oft an Stränden, die mehr oder weniger zugebaut sind, findet. Zurück wollte ich nicht mehr zu Fuß gehen, wir haben eines der vielen Taxis genommen, die bereitstanden, ankamen und wegfuhren. Für «Kinderwünsche» wird gesorgt…
Im Hotel beschäftigte ich mich, nach einer kurzen «Erholungsphase», mit dem Kofferpacken. Albrecht wanderte inzwischen flußaufwärts zum Wasserturm, der auch ein architektonisches Denkmal ist, und brachte noch Bilder mit. Später saßen wir ein letztes Mal bei unserem Gastwirt aus Sri Lanka im «All sails up«, sahen hinaus auf den Fluß und ließen diese wunderschönen Tage schon einmal Revue passieren.






Hinweis zu einem Piratengrab. Diese Legende stirbt nicht. G. Kontoguris war wohl ein griechischer Kaufmann.